Rainer Kolbe Das Kind

 

263 Virtuelle Hufe auskratzen

Ganz oben auf dem Wunschzettel des Kindes stand natürlich der Wunsch nach einem echten Pferd. Acht dicken Ausrufezeichen! Okay, das war zu erwarten, und im verbalen Schlagabtausch wurde auch noch die Kuh erwähnt, die wir am besten gleich dazu schenken, denn auf Pferdemist gedeiht eher Hartgras, und das fressen nur Kühe, da nützt ein Schaf gar nichts. Oder so ähnlich. Ein Schaf haben wir übrigens auch noch nicht.

Platz zwei der Wünsche nahm ein Paar neue Inliner ein, schöner Wunsch, prima Geschenk, aber bei dem Wetter? Nee, da liegen die Dinger erstmal rum, bis der Winter oder das, was bisher dafür gehalten werden musste, vorbei ist. Das wollten wir Eltern nicht, so praktisch sind wir veranlagt, und wer weiß, was das Frühjahr dem Kinde bringt, wenn die Knospen sprießen und Straße und Wege wieder trocken sind.

Auf Platz drei standen eine „Wii“ oder (immerhin nicht „und“) ein „Nintendo“ oder ein Computer oder ein Handy. Und Platz vier teilten sich so vergleichbare Sachen wie Pferdeaufkleber, Reitstunden, Nagellack und Trompetenunterricht.

Nun sind wir Eltern medial auf der Höhe der Zeit, sprich: Wir kennen vieles, aber nicht alles. Und halten vieles für sinnvoll, aber nicht alles für notwendig.

Ein Pferd kommt uns nicht ins Haus, und ins Haus müsste es ja, denn der Garten ist zu klein, selbst wenn wir die Kuh weglassen. Pferdeaufkleber wiederum gab es natürlich sowieso. Also entschieden wir uns für ein „Nintendo“.

Für diejenigen, die einen Wissensstand haben, den ich vor Weihnachten und einigen eher umfassenden Recherchen auch noch hatte: Es handelt sich um eine so genannte Konsole, also eine Art aufklappbarer Computer mit begrenzten Fähigkeiten, der bequem mit einer Hand gehalten werden kann. Er hat zwei kleine Monitore, auf denen Spiele ablaufen. Die Spiele muss man extra kaufe, die sind auf kleinen Plastikkarten mit Chips, die irgendwo hinten in das Gerät geschoben werden. Auf dem einen Monitor erscheinen dann Erläuterungen und Anweisungen und Hinweise, auf dem anderen bewegt man mittels eines Kratzestiftes die Pferde oder schreibt Zahlen auf.

Denn Pferd oder Zahl, das waren die Alternativen, die wir dem Kind zu dem heiß ersehnten Gerät schenkten: Ein Spiel mit Ponys, wie es nur kleine Mädchen in Begeisterung versetzt, und ein Spiel mit Mathematik, wie es nur liebende Eltern schenken.

Das Kind hopste beim Auspacken seines Nintendo vor Begeisterung auf dem Sofa auf und nieder, dass der Weihnachtsbaum bedenklich zu schwanken begann. Und verbrachte einen nicht unerheblichen Teil der Feiertage mit dem kleinen Klappdings auf dem Schoß und dem Kratzestift in der Hand im Pferdestall, um seine virtuellen Ponys zu striegeln und zu tränken und ihnen die Hufe auszukratzen.

Natürlich fanden wir Eltern ‒ mit einem gewissen Schmunzeln ‒ dass zwischendurch auch der Rest der Familie bedacht werden könnte, und das tat das Kind ja dann durchaus. Und am nächsten Tag noch ein wenig mehr, ja, es widmete sich sogar auch anderen Geschenken, und als ich am übernächsten Tag in sein Zimmer trat, lag es auf dem Sofa und ‒ las ein Buch. Gestern lag es hier noch und kratzte. „Papa!! Ich habe heute noch gar nicht mit meinem Nintendo gespielt!!“

Vier Tage, und schon ist das elektronisch Spielzeug ein wenig langweilig geworden!? Wer jetzt denkt, dass ich genugtuend vor mich hin grinse, der irrt. Vielmehr hadere ich! Denn immerhin stellte das kleine Ding schon eine gewisse Investition dar. Wenn man dann noch überlegt, dass man für den Preis eines der Spiele drei wirklich schöne Kinderbücher kaufen kann! Und nun liegt es da herum...

Aber vielleicht war das der Preis, um dem Kind nicht nur nach Art von Eltern und von oben herab zu erklären, sondern es selbst erfahren zu lassen: Vieles ist sinnvoll, aber nicht alles ist notwendig.

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