Rainer Kolbe Das Kind

 

264 Picknick

Es regnet. Natürlich regnet es, es ist ja Winter, und wir leben in Norddeutschland. „Papa, wann schneit es endlich??“ Tja...

Das Kind ist neun Jahre alt. Die beiden letzten Winter waren schneereich, und an den Winter vor drei Jahren kann das Kind sich nur mit Mühe erinnern. Also, reine Lebenserfahrung: Im Winter liegt Schnee.

Es liegt aber keiner. Neulich fielen mal ein paar matschige Flocken, das war’s. Auch der beschwörende Schneeflockentanz auf der Weihnachtsfeier der Schule hat nichts gebracht... Klar, der Winter ist noch viele Woche lang, da kann noch was kommen. Man hat schon zu Ostern Schneemänner gebaut und mit Frühlingsblumen geschmückt. Aber was nützt dem Kind diese Erkenntnis? Das Kind will jetzt einen Schneemann bauen und Schlitten fahren und alles.

Es liegt aber kein Schnee. Dafür lässt es der Herr ausgiebig regnen, tiefer gelegene Felder stehen ein wenig unter Wasser. Der Hund möchte lieber nicht spazieren gehen. Ich auch nicht.

Das lokale Blättchen widmet Wind und Wetter ausführliche Beiträge und Bildstrecken, und, ja, der Sturm, oje oje, in Dagebüll stand die Mole ein wenig unter Wasser, in der Nähe von Ostenfeld musste ein Deich vorsorglich geöffnet werden, in Itzehoe sind ein paar Keller vollgelaufen. Mit der blättchen-typischen Übertreibung wird daraus dann: „Der Sturm flutet den Norden.“ Es ist schon hart für den norddeutschen Journalismus: Wenn kein Schnee liegt, kann man nicht über die Schneekatastrophe Ende der Siebziger berichten und die alten Bilder abdrucken wie in den letzten Jahren. Da muss dann eben eine Regenkatastrophe her.

Doch in Zeiten, in denen seitenweise darüber berichtet wird, welche Nachrichten dieser oder jener Politiker diesem oder jenem Journalisten auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hat, kann man wohl nicht mehr erwarten. Es passiert einfach nichts.

Außer, dass es regnet, natürlich.

Normal veranlagte und wohl geratene Kinder schwanken zwischen großer Begeisterung für’s Pfützenhüpfen und absoluter Wasserscheu. Scheint an dem einen Tag die Sonne, rufe ich „ab in den Garten!“, doch das Kind weigert sich, denn es könnte ja nachher regnen. An anderen Tagen wiederum ist das Kind aus den Gummistiefeln praktisch nicht raus zu bekommen.

Heute ist das Kind überhaupt gar nicht wasserscheu, zieht also die Gummistiefel an und verschwindet nach draußen. Es gibt da eine wunderbare Ecke hinter der Garage, feucht, matschig, morastig. Hier werden Gartenabfälle zwischengelagert, hier war schon die selbst gebastelte „Villa Karoline“, hier werkelt das Kind und lebt in seiner Welt.

Und das sieht so aus: Das Kind weckt die kleine blaue Bank aus ihrem Dornröschenschlaf, zerrt sie unter alten Ästen hervor und flickt sie mit einigen großen Nägeln notdürftig. Es fegt altes Laub beiseite und harkt den Boden, drapiert kleine Tannenzweige um den Platz. Es ist etwas überrascht, dass im Kräuterbeet keine frischen Pfefferminzblätter zu finden sind, aber nun gut, es geht ins Haus (zieht sogar die nassen Schuhe aus), setzt in der Küche Wasser auf, kocht Tee und holt die Keksdose aus der Speisekammer und Teelichte aus dem Wohnzimmerschrank. Dann trägt es Teebecher und Kekse und Teelichte in den Garten (zieht sogar die Schuhe wieder an).

Ist alles fertig, wird der Rest der Familie eingeladen: Picknick! Da stehen wir dann hinter der Garage im Morast, feste Schuhe an den Füßen, Jacke, Schal, Mütze. Und picknicken. Auf die kleine blaue Bank setzte ich mich lieber nicht, die scheint auch verstärkt so wackelig aus, dass sie mit einem neunjährigen Kind ausgelastet zu sein scheint. Die Teelichte brennen zwar nicht so gut und werden entweder vom Wind ausgepustet oder vom Regen ausgetropft, aber es sieht trotzdem sehr nett aus. Der Tee wärmt und schmeckt uns und die Kekse auch.

Picknick geht immer. Sogar ohne Schnee!

laden
start